Pfarrkirche St. Leonhard in Wolfartsweiler

Eine schöne Dorfkirche mit Anfängen in der Zeit der Romanik und sehr prägnantem Kirchturm aus unverputztem Naturstein

Im 11./12. Jahrhundert wurde eine kleine romanische Kirche erbaut, erstmals urkundlich erwähnt 1437. Diese erhielt im 18. Jahrhundert den barocken Choranbau, der den kleineren romanischen Rechteckchor ersetzte. Die Kirche wird 1508 als Kapelle und Filial der Pfarrei Hohentengen erwähnt. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert gab es an der Kirche immer wieder eine Kaplanei, also die Stelle für einen Hilfsgeistlichen, der die Gemeinde seelsorgerlich zu versorgen hatte. Im Inneren wurde der Raum stukkiert, dieser ist noch verhanden, teilweise jedoch ergänzt.

1854 gab es die westliche Erweiterung mit Empore und Glockentürmchen. Architekt: Gottlieb Pfeilsticker, der auch die Kirchen in Fulgenstadt und Hohentengen erbaute. Die neue Ausstattung war dem Historismus zuzuordnen (im 19. Jahrhundert griffen Architekten, Maler und Bildhauer gerne auf Formen, Elemente und Ornamente früherer Zeiten zurück). Sie stammte aus der Jahren 1854 und 1892. Diese wurde bei der grundlegenden Renovierung 1966/67 entfernt.

2005 wurden Dach und Außenputz erneuert. Der Zustand des Inneren der Kirche aus den 60er Jahren befriedigte nicht mehr. Die Kirche war leergeräumt, in der Tat ein verletzter, beschädigter Raum. Erhalten geblieben waren: selbstverständlich das romanische Kreuz aus dem 12. Jahrhundert, der kostbarste Besitz der Wolfartsweiler Kirche – mit Assistenzfiguren Maria und Johannes (um 1800); das Hochaltarbild aus der Barockzeit mit dem Heiligen Leonhard von Matthäus Locher 1776 an der linken Seitenwand – ein ähnliches ist in der Schlosskirche Scheer zu sehen. Links am Chorbogen stand der Hl. Wendelin, um 1800, rechts die Pieta, volkstümlich, um 1400, an der Wand rechts der Hl. Niklaus von der Flüe, 20. Jahrhundert. Das Deckengemälde „Mariä Verkündigung“ von Katzenstein, München, 1892, blieb erhalten, ebenso der Stukkaturenschmuck. Der Altar wurde damals geschaffen von Josef Henger, Ravensburg.

2013/14 und 2019 neu gestalteter Chorraum

Die Erneuerung der Kirche 2013/14

Die Wände benötigten einen neuen Anstrich, Sanierungsarbeiten waren nötig geworden. Das war der Anlass, die Ausstattung neu zu ordnen.

Neu – und doch alt präsentiert sich die Kirche

Im Chor steht nun ein neuer Tabernakel in der Mitte der Apsis (aus dem Depot der Diözese in Obermarchtal – früher: Hauskapelle des Franziskanerklosters Weggental bei Rottenburg am Neckar), darüber hängt das oben genannte ehemalige barocke Hochaltarbild von Matthäus Locher 1776 mit dem Hl. Leonhard, dem Patron der Wolfartsweiler Kirche. Christoph Carl Stauß aus Rulfingen schuf den neuen Ambo, den Ort der Verkündigung des Wortes Gottes. Eingefunden haben sich wieder – zu den im Raum schon vorhandenen – etliche der ehemaligen Plastiken der Kirche, die im Schrank überlebt haben.

Rechts und links des Altarbildes: Kirchenväter (Ambrosius, Augustinus, Hieronymus, Gregor d. Gr. – von ehemaliger Kanzel).
Nische linke Chorseite: Bäuerliches „Vesperbild“ – die Pieta um 1400.
Links: Barocke Ewig-Licht-Ampel.
Hinter dem Chorbogen rechts und links: Maria und Johannes Evangelist.
An der Chordecke: Das Auge Gottes, eine Stuckarbeit

Im Schiff links neben dem Chorbogen: Muttergottes (vom ehemaligen Seitenaltar).
Im Schiff rechts neben dem Chorbogen: Hl. Josef (vom ehemaligen Seitenaltar).
Linke Wand im Schiff vorne: Hl. Bruder Klaus 20. Jahrhundert.
Mitte: Hl. Leonhard und Hl. Barbara (vom ehemaligen Hochaltar).
Hinten (unter der Empore): Holzrelief – Opfer des Melchisedek (vom ehemaligen Hochaltar).
Rechte Wand im Schiff vorne: Hl. Wendelin.
Mitte: Barockes Kruzifix.
Wände im Schiff: Kreuzweg historisierend 19. Jahrhundert

Westwand rechts: Hl. Antonius v. Padua.
Westwand links: Immakulata.
Die Figuren sind alle 19. Jahrhundert – außer die eigens genannten Plastiken aus anderer Zeit. Das vorhandene gotische Kreuz ist jetzt im Leichenhaus.

Ein bedeutendes Kunstwerk in Wolfartsweiler! Anmerkungen zum romanischen Christus

Bedeutend ist das romanische Kreuz im Chor, verwandt dem romanischen Kreuz auf der Reichenau (Mittelzell in der Sakristei), es stammt aus dem 12. Jahrhundert, die Arme sind ergänzt. Die Assistenzfiguren Maria und Johannes entstanden um 1800.

Ursmar Engelmann OSB schreibt über das Kreuz in Wolfartsweiler (Christus am Kreuz, Romanische Kruzifixe zwischen Bodensee und Donau, Beuroner Kunstverlag 1966 S. 27/28): Das Wolfartsweiler Kreuz ist in der Tat ein „Bruder“ der Kreuzes auf der Reichenau. Aufschlussreich ist nun die Beschreibung des Wolfartsweiler Kreuzes analog der des Reichenauer Kreuzes zu betrachten: Der Christus von Wolfartsweiler stimmt fast in allem mit dem der Reichenau überein. Alle Merkmale finden sich wieder, jedoch seitenverkehrt: Der Gekreuzigte steht aufrecht auf einem Fußpflock. Sein gedrungener Leib ist in den Hüften etwas nach rechts durchgebogen. So wird eine leicht geschwungene Linie sichtbar, die im Kopf, nach rechts unten gewendet, ausklingt. Der Kopf hat eine schöne lange Form. Das Haar ist in der Mitte gescheitelt und reicht verhältnismäßige tief in die Stirn, lässt die Ohren frei und fällt in zwei Strähnen rechts und links über die Schultern nach vorne; die starken, gebogenen Brauen, die gerade Nase, der breite Mund sowie der Bart charakterisieren Antlitz und Haupt. Dieses steht über einem Leib, der durch gut modellierte Rippen Festigkeit bekommt. Dazu gehört das Lendentuch. Über die Hüften ist ein links geknoteter Gürtel gelegt, der das Lendentuch hält. Scharf eingeschnittene, nach unten gerichtete Dreiecksfalten wirken noch ornamental. Daneben stehen über den Schenkeln und an der Seite volle, schwere Falten und gliedern das Tuch. 

So das Reichenauer Kreuz; der Wolfartsweiler Christus stimmt mit dem tatsächlich überein, jedoch seitenverkehrt: An eine direkte Übernahme, Übertragung des Reichenauer Christus ist zu denken. Nur der Kopf ist beim Wolfartsweiler Kreuz nicht nach links gewendet, sondern frontal. Das Antlitz erscheint dadurch schmaler, länger und schärfer. Das gilt auch für das gesamte Erscheinungsbild: Der Leib ist hier in Wolfartsweiler ein wenig länger, schmaler und klarer, vor allem fester, verfestigter und zugleich gröber (restauriert 1966).

Ursmar Engelmann stellt sogar Bezüge her zu den vier Evangelistengestalten des Freudenstadter Lesepultes (Mitte 12. Jahrhundert, weist nach Hirsau): Lange Füße und Zehen sind allen drei Werken (Reichenauer und Wolfartsweiler Kreuze, Freudenstadter Evangelistenlesepult) eigen. Und die Werkstatt? Vielleicht Hirsau? Oder eine klösterliche Werkstatt, die Hirsau nahestand?

Woher – warum nun hat die Kirche in Wolfartsweiler ein derartig bedeutendes Kreuz aus dem 12. Jahrhundert?

Man weiß es nicht … nichts ist überliefert, keine Stiftung, keine Klosterzugehörigkeit, keine Legende und keine Geschichte außer der, dass die Wolfartsweiler ihren Herrgott bewahrten und in Ehren hielten und halten bis auf den heutigen Tag. Vielleicht geben die neuesten Grabungen im Chorraum der St. Leonhardskirche einen Fingerzeig und eine Antwort auf die Frage der Leute: Musste die langwierige und teure Grabung, Analyse und Dokumentation sein? Als der bisherige Boden im Chorraum tiefergelegt werden sollte, stießen die Handwerker auf Gräber. Und wie es heutigentags so üblich ist, stürzten sich unverzüglich Archäologen in die Baustelle, schürften sich tiefer und tiefer und bremsten natürlich die Renovierungsarbeiten gehörig aus – und untersuchten. (Bezahlt hat den ganzen Aufwand die Diözese Rottenburg-Stuttgart).

Was zutage kam, ist interessant und gibt Aufschluss – einmal über die Kirche selbst: die Kirche hatte einen rechteckigen Chor, der durch den heutigen Chor (eine Apsis) überbaut wurde – also innerhalb liegt. (s.o.) Ein mittelalterlicher Bestand also. Dazu erzählen Grabfunde: An der Ostseite des Vorgängerchores wurden Säuglinge und Kleinkinder bestattet sowie Bürger. Solche Gräber liegen nun nach dem Neubau des Chores im 18. Jhdt. innerhalb der Kirche. Ein Grab fällt auf in der Mitte der Anlage: alle Befunde weisen auf das Grab einer wichtigen Persönlichkeit hin, an bedeutendem Platz beigesetzt. Es darf gerätselt werden: War diese bedeutende Person der Stifter des Kreuzes? Wurde sie sozusagen in dessen unmittelbarer Nähe begraben?

Das Fazit der Untersuchungen:

St. Leonhard ist älter als bisher angenommen, ein Vorgängerbau zu der romanischen Kirche ist denkbar. Das romanische Kreuz könnte nun tatsächlich zur romanischen Erstausstattung der Kirche gehören – so sagt der Untersuchungsbericht (Andreas Willmy); die Wolfartsweiler Bürger jedoch wissen seit eh und je, dass das Kreuz nie woanders als hier war. Die Untersuchung der Wände, die vom Restaurator durchgeführt wurde, erbrachte die nicht zu unterschätzende Gewissheit, dass der Befund der Mauern, Steine, Vermörtelungen, Vermauerungen, Farbschichten und Holzreste die alte romanische Vorgängerkirche bezeugt (es ist schon gut, wenn Untersuchungen angestellt werden, solange der „Kittel“, den die Wände sonst anhaben (Verputz), gerade weg ist!). Die Dokumentation kann, wie auch diese der Grabungsergebnisse, bei der Kath. Kirchengemeinde Wolfartsweiler eingesehen werden.

Relief im hinteren Teil der Kirche, 19. Jahrhundert

Bedeutendes romanisches Kreuz aus dem 12. Jahrhundert

Volkstümliche Pietà, um 1400