Stadtpfarrkirche St. Johannes Baptist in Bad Saulgau

Die ältesten Teile dieser Kirche stammen aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert, der heutige gotische Bau wurde aber größtenteils um 1400 errichtet

814 soll die Kirche von Kaiser Ludwig dem Frommen errichtet worden sein, 819 wurde die bereits bestehende Kirche dem Kloster in Buchau gestiftet und in seinen besonderen Schutz gestellt. Die Stiftsäbtissin von Buchau war von 819-1803 Patronatsherrin der Kirche und von St. Antonius. Auszugehen ist von einer karolingischen Saalkirche. 1275 bis 1280 wurde eine größere romanische Kirche errichtet, davon zeugen der untere Teil des Kirchturms und die an ihn anschließenden seitlichen Chorwände. Um 1400 erfolgte eine Erweiterung der Kirche zur heutigen Form und Größe, die Altarweihe im neu errichteten Chor war am 18. Februar 1402. Mit dem Bau der Vorhalle an der Westseite um 1450 wurde der Bau vollendet.

Die Ballustrade auf der Vorhalle (errichtet von Architekt Herkommen) ersetzt das ursprüngliche Walmdach 1925. Von der gotischen Ausstattung sind noch vorhanden die Hochaltarbilder um 1410 (heute in der Staatsgalerie Stuttgart, möglich von einem Ulmer Meister), das Prozessionskreuz um 1340 aus einer Konstanzer Werkstatt, der Wettersegen und eine Turmmonstranz aus der Zeit um 1500. Während des 30jährigen Krieges (1618-1648) erlitt die Kirche durch Raub und Zerstörung größere Schäden. Im 18. Jahrhundert erfolgte die Barockisierung des Innenraumes, die 1764 abgeschlossen war.

Von dieser Barockausstattung sind noch vorhanden: die Plastik des Hl. Josef mit Putto im linken Seitenschiff von Josef Laiber, Saulgau (1738-1821); eine Rokokomonstranz aus Augsburger Werkstätte, Barockkelche sowie ein silbernes Kredenzkreuz mit Leuchtern.

1867 bis 1894 wurde die Johanneskirche neogotisiert, die Barockausstattung wurde entfernt: Altäre, Deckengemälde des Saulgauer Barockmalers Josef Anton Mesmer (1747-1827), über 20 Plastiken des Bildhauers Laiber. Die bis dahin im Chor vorhandenen gotischen Fenster aus der Zeit um 1400 wurden 1868 an die fürstlichen Sammlungen nach Sigmaringen verkauft, dort sind sie in der Hauskapelle und im Museumsbau zu sehen. (Was original gotisch war, wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge des damaligern Historismus neugotisch ersetzt.) Bei dieser Restaurierung wurde ein gotisches Scheinrippengewölbe eingezogen, 5 Altäre aus der Saulgauer Altarfabrik Mayer wurden aufgestellt: Hochaltar, 2 Seitenaltäre am Chorbogen, 2 Seitenaltäre an den Stirnseiten der Seitenschiffe. Von dieser Ausstattung sind noch vorhanden 10 Apostel und das Chorbogenkreuz (Störck) sowie die Sakristeischränke und die Portale.

1956/57 wurde die Johanneskirche umgestaltet: Die gesamte neugotische Ausstattung wurde entfernt samt dem alten gotischen Chorbogen. Anstelle des Scheinrippengewölbes von 1868 wurde eine flache Holzdecke eingebaut, dies gab der Kirche einen nüchternen saalartigen Charakter. Von 1957 stammen die Fenster in Chor und Schiff (Wilhelm Geyer), auch die Orgelempore wurde 1957 in ihrer heutigen Form eingebaut. (Anmerkung: In Oberschwaben sind die gotischen Kirchen mit Flachdecken versehen: Riedlingen, Ravensburg, Wangen, Markdorf u.a., weil tragfähiger Sandstein von weither geholt werden musste. Die Johanneskirche ist weithin aus Wackensteinen sowie Blöcken des Sießener Muschelkalks aus dem Steinbruch am Zeller Weiher gebaut.)

Die heutige Kirche 1984/85: eine weitere Renovation: Damit erhielt der Innenraum sein mittelalterliches Gepräge zurück. Altäre, Ambo, Sedilien, Taufstein und Chorgestühl wurden der Liturgiereform des 2. Vat. Konzils entsprechend gestaltet. Auch der gotische Chorbogen wurde wieder eingezogen. Die graue mittelalterliche Quaderbemalung des Chorraumes um 1400 wurde aufgedeckt und die flache Chordecke über dem Chor erhielt entsprechend dem vorgefundenen Muster ihren mittelalterlichen Charakter zurück. Die Holzdecken des Chores, des Mittelschiffes und der beiden Seitenschiffe wurden aus dem gotischen Grundraster der Kirche entwickelt. Durch die farbliche Gestaltung der Pfeiler, Arkadenbögen, Fenstergewände und Decke, die mit der Ausmalung im Chor korrespondieren, erhielt der gesamte Raum Einheitlichkeit und Zusammenfassung. Dies alles ergänzt noch die Ausstattung mit Altären, Ambo, Bildern, Plastiken, Klaisorgel und Chororgel, welche den mittelalterlichen Kirchenraum mitbestimmen.

Hochaltar 1986-1991 von Emil Kiess als Kirchenjahresaltar mit den Wechselbildern Weihnachten, Passion, Ostern, Pfingsten. Tabernakel und Predella von Wendelin Matt: Eucharistiesymbole Brot und Wein, Bezug des Alten Testaments auf die Eucharistie: Manna und Wachtelwunder. Sakramentshaus: Bei der Renovierung 1984/85 in der nördl. Chorwand aufgedeckt, gestaltet von Wendelin Matt: die Anbetung des Lammes durch die Wesen. (Apokaplypse).  Osterleuchter, Altarleuchter, Blumenständer: Wendelin Matt (alles 1985). Chorgestühl 1985 Hermann Brendle. Zelebrationsaltar, Ambo, Taufstein: Herbert Albrecht (1985).

Linkes Seitenschiff: Marienaltar: gotische Madonna mit Kind um 1500, oberschwäbisch. Dazu Seitenbilder von Peter Burkhart 1985: rechts Mariä  Verkündigung, links Ostermorgen. An der linken Seitenschiffwand: Hl. Josef mit Putto um 1770 von Joseph Laiber (1738-1621), Saulgau (aus der Barockausstattung der Kirche). Rechtes Seitenschiff: Über dem Taufstein Genesisteppich von Hermann und Elisabeth Geyer, 1988; Pieta burgundisch um 1500, barockes Grabdenkmal des Stadtpfarrer Rebsamen um 1740. Rechts neben dem Eingang Hl. Antonius, 18. Jhdt. Kreuzweg: Gebhard Fugel, (1863-1939), originale Entwürfe für den in München St. Josef (1904-1908) im Zweiten Weltkrieg zerbombten Kreuzweg. Rechte vordere Säule: Kirchenpatron von Berthold Müller-Oerlinghausen (1893-1975): Johannes der Täufer als Wegbereiter, Bronze 1947 (Stiftung Witwe des Künstlers).

Obergaden Hauptschiff: Apostel, 1871 und Chorbogenkreuz, 1890 aus der Altarwerkstätte Gebr. Stärk, Saulgau. Neben dem Hauptportal links: Pestbild: Votivbild 1739 von Johann Kaspar Koler (1698-1747) zum Dank für die Errettung der Stadt mit Christus und den Heiligen sowie einer Stadtansicht und einer Dankprozession nach Herbertingen. rechts: Otto Dix (1891-1969), Geißelung, 1946 (erworben für St. Johannes von der Kinzelmann – Stiftung Bad Saulgau) Weihnachtskrippe von Alfons Scheck, Bildhauer in Saulgau, 1948 ff.

Orgeln: Hauptorgel von Johannes Klais 1980, 48 Register, Chororgel: Hubert Rebmann 1985, 7 Register, die Instrumente sind zum größten Teil Stifungen der Bad Saulgauer Bürger und Unternehmen.

Kirchenschatz: Gotische Turmmonstranz und Wettersegen, beides um 1500, Konstanz. Gotisches Vortragskreuz  aus der Zeit um 1340, Silber und Edelsteine, Konstanzer Werkstätte (Stiftungen der Buchauer Äbtissin und Saulgauer Bürger). Faksimile des Perikopenbuches Kaiser Heinrich II (Original entstanden 1005-1007 auf der Reichenau, jetzt im Bayerischen Landesmuseum), Stiftung Gerhard Drescher 1996. Rokokomonstranz 18. Jhdt. und Kelche 18. Jhdt. – 20. Jhdt. Kredenzkreuz mit Silberleuchtern (Stiftung Stadtpfarrer Rebsamen)

Glocken: 7 Glocken aus der Glockengießerei Kurtz, Stuttgart, 1961, Stiftung Martin Staud. Das Geläut wurde 2008 saniert, die Schwingungsrichtung gefährdete den Turm. Zwei neue Eichenglockenstühle von der Firma Luib, Bad Saulgau-Fulgenstadt, neue Klöppel und Glockenjoche von der Glockengießerei Bachert, Karlsruhe, neue Läuteelektronik von der Firma Hörz. Die Sanierung wurde ermöglicht durch eine großzügige Stiftung der Familien Staud, der am Projekt beteiligten Bad Saulgauer Firmen sowie zahlreicher Bürger und Bürgerinnen wie auch einheimischer Banken.

Außen an der Stirnseite des Chores: „Emaus-Jünger“, Bronze 1930, von Berthold Müller-Oerlinghausen, Stiftung aus dem Nachlass durch die Witwe des Bildhauers anlässlich der letzten Kirchenrenovation. Außen an der Südseite des Chores: Ölberggruppe von Gebrüdern Stärk.

Otto Dix und sein Bild „Ecce Homo“ in St. Johannes

Der expressionistische Maler Otto Dix (1891-1979) hatte, wie er selbst bezeugte, mit der Kirche nichts zu tun und bezeichnete sich als Ungläubigen. Die Schrecken des Krieges, die Armseligkeit und Hinfälligkeit des Menschen und sein Ausgeliefertsein den Mächten der Gesellschaft und des Bösen beschäftigten ihn in seinem ganzen Schaffen. Immer wieder befasste sich Otto Dix mit der Geschichte Jesu in den Evangelien. So schuf er ein bedeutendes graphisches Werk mit biblischen Szenen. Nach dem 2. Weltkrieg malte Dix das in St. Johannes hängende Bild „Ecce Homo“ – „Sehet den Menschen“ – und hatte dabei seine eigene Erfahrung in der Kriegsgefangenschaft in Kolmar zugrunde gelegt: Ein junger Gefangener stahl aus Hunger ein Stück Brot. Dafür musste er zur Strafe Spießruten laufen. Für Dix verwandelte sich diese von ihm erlebte Szene in das Bild des leidenden Christus, der schlagender Gewalt ausgeliefert, dabei solidarisch mit dem Gefangenen (der bei Dix auch auf Jesus einschlägt) und allen Leidenden ist. Das „Gesicht des Menschen“ ist in diesem Bild schonungslos enthüllt: vom Bösen gezeichnet und verzerrt, das Werk des Hasses ist furchtbar. Das Antlitz Jesu dagegen drückt aus: „äußerste Bedrohung, Sinnlosigkeit, Nichtigkeit, Verlassenheit, Einsamkeit und Leere sind von einem mit dem Menschen solidarischen Gott umfangen“ (H. Küng)

Madonna mit Kind, oberschwäbische Gotik, um 1500

Gotisches Fenster auf der Westseite der Kirche