Pfarrkirche St. Markus in Sießen

Eine barocke Pracht, die man hinter dem eher zurückhaltenden Äußeren der Kirche kaum vermuten würde

1259 überliess Steinmar von Stralegg einen Hof mit Kirche und eine Mühle den Schwestern des um 1250 in Saulgau gegründeten Frauenkonvent (Beginen). Sechs Schwestern zogen im Mai 1260 in Sießen auf, um nach der Regel des Hl. Augustinus (Dominikanerinnen) zu leben. Nach manchem Auf und Ab der Klostergeschichte im 14. bis 17. Jahrhundert wurde das Kloster auch im 30-jährigen Krieg nicht verschont. Im April 1632 fielen schwedische Truppen im Kloster ein, der Konvent wurde gezwungen, das Kloster wiederholt zu verlassen. Die Schwestern kehrten aber wieder zurück. Eine Feuersbrunst zerstörte 1674 den westlichen Klostertrakt. Auch der spanische Erbfolgekrieg (Frankreich gegen Habsburg-Österreich 1701-1714) brachte das Kloster erneut in schlimme Bedrängnis.

Einen Höhepunkt im Klosterleben, auch kunstgeschichtlich, bildeten dann die Jahre 1716 bis 1729. Mit der Priorin Maria Josepha Baizin aus Riedlingen baute der Konvent (23 Frauen und 6 Laienschwestern) ein neues Kloster mit der dazugehörigen Kirche. Der 1659 in Au-Bregenzerwald geborene und 1722 gestorbene Baumeister Franz I Beer hat die Pläne für den Klostertrakt samt Kirche gefertigt und mit dem Bau begonnen. Wie aus einem Archivfund im Kloster Wörishofen hervorgeht (Superior Gresser vom Kloster Sießen), hat Franz Beer 32 Klöster an unterschiedlichen Orten geplant und gebaut, so auch für die Dominikanerinnen in Wörishofen und in Sießen. An diesen Bauten war auch sein Sohn Johann Michael Beer (geb. 1696 in Au, gest.1780 in Bildstein) beteiligt. Die Bauten in Sießen und Wörishofen hat der Sohn nach dem Tod des Vaters fertiggestellt. (Siehe Anmerkung zum Kirchenführer „Kloster- und Pfarrkirche Sießen“ 4. Auflage 2008, S. 33; Elisabeth Binder.)

Die Steine zum Bau des Klosters und der Kirche wurden im klostereigenen Steinbruch am „Zeller-Weiher“ gebrochen.

Hochaltar (Ausschnitt, 1984-88) von Prof. Wolfram Köberl, mit Figuren des spätbarocken Altars aus dem 18. Jahrhundert

Schon für die Stuckierung des Sommerrefektoriums der Dominikanerinnen wurde Dominikus Zimmermann (1685-1766) herangezogen. Er machte sich seit 1705 als Stuckateur und Altarbauer in Bayern und in Oberschwaben (u.a. Steinhausen, Buxheim, Gutenzell) einen Namen.

Im Refektorium in Sießen stammen Stuckdecke und Gründerrelief als Supraporte aus den Jahren 1720/22. Man kann annehmen, dass die Dominikanerinnen von Maria Medingen im Landkreis Dillingen, die auch 1716/21 eine neue Kirche bauten und Dominikus Zimmermann als Stuckateur beschäftigten, diesen nach Sießen empfohlen hatten. Das gleiche gilt auch für den Bruder Johann Baptist Zimmermann (1680–1785). Die Brüder Zimmermann, Söhne eines Maurers und Stuckateurs aus Wessobrunn, gaben mit ihrer Bild- und Stuckateurskunst der schwäbisch–bayerischen Kulturlandschaft ein besonderes Gepräge, sie gehören zu den großen Meistern des Spätbarock und des Rokoko. Auch hier in der Klosterkirche beherrscht Dominikus Zimmermann das Wechselspiel von vorgegebener Architektur, Stuckatur und Fresco. Die Stuckatur hat nicht nur eine Rahmen- und Dekorationsfunktion, sondern übernimmt selbst darstellerische und illusionistische Funktion. J. B. Zimmermanns Fresken sind kreisrund gerahmt und begleitet von kleineren Zwickelbildern.

Die Themen der Hauptbilder beziehen sich auf den Kirchenpatron – Glorie des Hl. Markus im Altarraum – und auf den Dominikanerorden: Mystische Kommunion der Hl. Katharina von Siena und die Verleihung des Rosenkranzes an den Hl. Dominikus, der diesen an die damals bekannten vier Erdteile weiterreicht (Gebetsauftrag an die Dominikanerinnen für die ganze Welt). Aus der Bilderwelt der Bibel sind entnommen „Christus bei Maria und Martha“ (Sinnbilder für aktives und kontemplatives klösterliches Leben) und über dem Nonnenchor die Geburt Christi. In den Zwickelfeldern korrespondieren biblische eucharistische Themen und Symbole mit den Deckenbildern. Gegenüber anderen Werken von J .B. Zimmermann sind die fünf Hauptbilder eher konventionell gestaltet.

Die Bilder an der Brüstung der Empore stammen von dem Saulgauer Maler Caspar Fuchs (1671-1741). „Erst in der Gewölbezone entfaltet sich die Pracht farbigen Stucks, die Malerei Joh. Baptist Zimmermanns öffnet den irdischen Raum in lichten Farben zum Himmel. Die Kuppelfresken und das noch aus der alten Kirche stammende Bild über dem Hochaltar muss man als Predigt über den Sinn des klösterlichen Lebens der Dominikanerinnen lesen: Für die Welt zu beten und sie zu missionieren ist Auftrag des Ordens. Allegorische Darstellungen in den Gewölbezwickeln und das Fresco über dem Nonnenchor versinnbildlichen das Glaubensgeheimnis der Eucharistie, die auf dem Hochaltar gefeiert wird. Dieses zweite Thema des Bildprogramms schließt die „Nonnenpredigt“ ein und bindet alles, was in der Kirche ins Auge fällt und was in ihr geschieht – Messopfer und Chorgebet – zu einer geistigen Einheit.“ (Dr. Ewald Gruber a.a.O.)

Nach der Säkularisation 1803 wurde die Ausstattung verändert. Das Kloster kam damals zur Herrschaft Thurn und Taxis. Abgebrochen wurden der barocke Hochaltar und die Seitenaltäre. Vor die Sakristeiwand wurde 1878-83 (Renovation) ein Neorenaissancealtar aufgestellt, der 1948 abgebrochen wurde. Barock wurde wieder geschätzt! 1948 erwarb man zwei Seitenaltäre und die Kanzel. Auf der Sakristeidecke wurden provisorisch aufgestellt das qualitätvolle Hochaltarbild von Matthäus Zehender 1684 und die Figuren des spätbarocken Altars, die beim Neubau eines „barocken“ Altares 1984-88 wieder Verwendung fanden.

Die meisten Besucher der Klosterkirche sehen nicht, dass der Hochaltar [91a, 92] ein Gebilde vom Ende des 20. Jahrhunderts ist, ein gelungenes Werk von Prof. Wolfram Köberl aus Innsbruck. Das Hochaltarbild, aus der barockisierten Vorgängerkirche übernommen, zeigt Maria als Himmelskönigin in Wolken thronend, links neben ihr der Kirchenpatron Hl. Markus mit seinem Evangelistensymbol, einem Löwen. Über dem unteren Bildrand knien links der Hl. Dominikus und hinter ihm die Hl. Katharina von Siena, die von Maria einen Rosenkranz empfangen; rechts Ritter Steinmar von Stralegg, Stifter des Klosters 1259. Beide verweisen mit ihren Händen auf die weiträumige Hügellandschaft Oberschwabens. Darin liegen das Kloster und Saulgau, im Hintergrund der Heilige Berg Oberschwabens, der Bussen, ein bekannter Wallfahrtsberg.

Für die Pfarrkirche St. Markus ist ein eigener Kirchenführer in der Kirche erhältlich.

Fürwahr, die Klosterkirche von Sießen ist ein Juwel des oberschwäbischen Barocks!

Hochaltarbild: Maria als Himmelskönigin überreicht dem Hl. Dominikus einen Rosenkranz