Liebfrauenkirche in Bad Saulgau

Eine große Barockkirche aus den 1720er-Jahren mit Altar und Orgel im Stil der Neurenaissance

Seit 1410 stand rund 50 m östlich der heutigen Kirche die ehemalige „Mooshauptenkapelle” mit einem Bild der schmerzhaften Muttergottes. Im Pestjahr 1611, das in Saulgau über 1200 Opfer forderte, wurde ein Friedhof bei dieser Kapelle angelegt, weil der Friedhof um die Pfarrkirche die Pesttoten nicht mehr aufnehmen konnte, er ist der Ursprung des heutigen Friedhofes. Seit 1695 lebte hier ein Waldbruder oder Eremit (Mesner und Aufseher eines abgelegenen Gotteshauses), die Kapelle war schon immer ein Wallfahrtsort zur Schmerzhaften Muttergottes für die nähere Umgebung und hatte bis zum Dreißigjährigen Krieg einen eigenen Geistlichen. Ein Votivbild von 1699 des Buchauer Amtmanns Georg Distel – in der heutigen Liebfrauenkirche an der Rückwand – vermittelt eine ungefähre Vorstellung des Inneren. Diese Kapelle wurde am 9. 6. 1695 durch Blitzschlag schwer beschädigt.

Matthias Heiß, Einsiedler bei der beschädigten Kapelle, strebte eine neue Wallfahrtskirche an und schuf selbst 1725-1726 den damals modernen Barockbau der heutigen Liebfrauenkirche. Heiß gelang es, die Bürger und den Rat der Stadt zu Hilfe und Spenden zu veranlassen, z.B. mussten straffällig gewordene Männer eine zeitlang beim Bau Frondienst leisten bzw. Strafgelder für die Kapelle bezahlen. Am 17. September 1726 verunglückte Heiß tödlich, als er vom Gerüst stürzte. 1729 wurde der Bau geweiht, 1741 erst war die Kirche vollendet. Es gab einen grosszügigen Spender: den Saulgauer Schustersohn Johann Konrad Krämer (1666-1740), der in Wien Karriere gemacht und es zum Hofkriegsrat unter Prinz Eugen gebracht hatte. Mit seinen Stiftungen (zweimal 2.200 fl.) konnte die Kirche fertig ausgestattet werden.

1889 wurde Liebfrauen im Stil der Neurenaissance von Saulgauer Altarbauern neu eingerichtet. Die Deckenfresken wurden von Katzenstein mit Szenen aus dem Marienleben übermalt. (Die Altäre und die Kanzel wurden später in Krumbach bei Tettnang aufgestellt.)

Altar im Stil der Neurenaissance von 1889 (Saulgauer Altarbauer)

1962 wurden die barocken Fresken wieder aufgedeckt, die beiden Seitenaltarbilder – vielleicht aus den Seitenaltären der barocken Ausstattung – in die Kirche gebracht. 2000/2001 wurde durchgreifend restauriert, der barocke Raum erhielt wieder sein altes Aussehen.

Stukkaturen von Kaspar Finsterwalder aus Wessobrunn (1730 in Saulgau Bürger, starb 1731) oder vom Vorarlberger Andreas Nußbaumer, der Finsterwalders Witwe heiratete, oder vom Wessobrunner Kaspar Zimmermann, der in Sießen mitarbeitete. Die Freskomalereien und die beiden Seitenaltarblätter sind das Werk von Johann Kaspar Koler, (1698 in Schwarzenberg/Vorarlberg geboren, 1731-1747 in Saulgau). Das linke Bild zeigt das Jesuskind mit dem Hl. Josef, ein gestürztes Götzenbild und den heiligen Maurus oder Viktor, die wegen Widerstands gegen einen Kaiser das Martyrium erlitten. Daneben eine Heilige Frau. Rechts unten die alte Mooshauptenkapelle, vor ihr sichelnde Bäuerinnen, ein Blitz deutet auf die Gebete um gutes Wetter hin – oder auf den Blitzschlag, der die alte Kapelle zerstört hatte. Das rechte Bild zeigt die Hl. Johannes Nepomuk und Johannes Evangelist sowie den bäuerlichen Patron Isidor mit dem Engel.

Ausmalung der Decke 1739, die Themen der Deckenbilder sind das Magnificat (Lobgesang Marias bei Elisabeth Lk 2) und in den Lunetten die Lauretanische Litanei, in den Grisaillen im Altarraum die vier Evangelisten. Der Hochaltar ist im Neorenaissancestil mit dem Thema „Die sieben Schmerzen Mariä” um 1900 in der Werkstätte Wilhelm Mayer von Gebhard Müller gefertigt, in dessen Mitte die Pieta von Hermann Stärk, geb. in Saulgau. Das Chorgestühl ist gefertigt von Gebhard Müller, Saulgau, der die Altarbauwerkstätte Wilhelm Mayer in Saulgau nach dessen Tod übernahm.

Die Orgel stammt aus der Orgelwerkstatt F. X. Späth Ennetach op.11 um 1890, restauriert 1995, jetzt eine romantische Denkmalsorgel. 1862 brachte die Marienstatue (Immaculata) in der Nische über dem Eingang am Volutengiebel, 1889 den Dachreiter mit Zwiebelkuppel.

Zelebrationsaltar, Leuchter, Ambo, Sedilien, Osterleuchter, Altarkreuz und Weihwasserbecken, wurden von Immanuel Preuss, Stuttgart, im  Zuge der Renovation der Liebfrauenkirche im Inneren geschaffen (2001-2005), nachdem das Äußere samt Dach zuvor instand gesetzt worden war. Im Zuge der Innenrenovation wurde das Votivbild des Buchauer Amtmannes Georg Rudolf Distel vom Jahre 1699 links neben dem Portal angebracht. Es zeigt, wie die Mooshauptenkapelle ausgesehen haben mag. Auf dem oberen Teil sind der Heilige Georg zu sehen, im unteren Teil die Familie Distel.

Von den drei Glocken stammt die älteste aus dem Jahr 1488 – wohl aus der alten Kapelle – die zweite wurde um 1950 beschafft, zuerst als Armeseelenglocke bis 1961 auf dem Turm von St. Johannes, die dritte mit der Aufschrift „Mater dolorosa, ora pro nobis“ – Mutter der Schmerzen, bitte für uns – ist eine Stiftung von Herbert und Renate Müller aus dem Jahre 2005.

Westseite der Kapelle mit Orgel aus dem 19. Jahrhundert

Marienfigur am Westgiebel außen (1862)